Halbstarke Igel
29.09.00
Allen Igeln geht es weiterhin gut. Dn gut. Die Großen könnten wir vom Gewicht her bald in die Freiheit entlassen, aber Moritz und Silberschwänzchen sind noch zu leicht. Fr. Seewald vom Pro Igel e.V. hat uns geraten, an einem milden Herbstabend das Gehege zu öffnen und die Futterschale so hinzustellen, dass die Igel durch den Napf in die Freiheit laufen können. Erfahrungsgemäß erinnerten sich die Igel an die Nahrungsquelle und kämen bei regelmäßiger Fütterung weiter als freie Gäste. Sorgen machen uns dabei jedoch die belebten Strassen in der Umgebung. Aber vor allen Gefahren können wir die Kleinen nicht behüten. Es war ja schon ein Riesenglück, dass alle 5 bis heute überlebt haben.
Leider sehen wir nicht mehr allzuviel von den Igeln, da sie tagsüber fast immer schlafen. Aber wenn ihnen in der Dämmerung und der Nacht Futter bringen, wieseln sie nur so durch die Dunkelheit. Moritz trainiert wohl für die nächste Olympiade, dauernd ist er am Rennen. Miss Piggi pufft weiterhin beim kleinsten Geräusch und wirkt cholerisch. Silberschwänzchen entwickelt sich zu einem wunderhübschen, zarten Igelmädchen mit einem erstaunlich wuscheligen Fellkragen am Hals. Silver rattert unaufhaltsam wie ein Panzer durch die Gegend und Max ist von allen der Bedächtigste.
Silberschwänzchen, das vielleicht hübscheste Igelmädchen der Welt
Max, Miss Piggi und Silver beim Fressen. Man beachte die Eleganz, mit der Max das Katzenfutter auf seiner Nase verteilt
Wir füttern ihnen weiter Katzenfutter aus dem Bioladen, vermischt mit ein wenig Haferflocken als Balaststoff. Wir haben es auch mit "Whiskas für Katzenkinder" versucht, aber da haben ihnen verschiedene Sorten nicht gemundet. Warscheinlich kommt das von der Gewöhnung an das andere Futter, denn gerade das Whiskas gilt als besonders igelgeeignet. Anscheinend haben wir uns echte "Öko-Igel" herangezogen. Zur Abwechslung bekommen sie Rinderhack oder Rührei. Sie haben immer Katzentrockenfutter (auch aus dem Bioladen), das wir mit zerdrückten Nüssen, Studentenfutter und Bananenflocken (alles natürlich ungewürzt!) "aufwerten" zur Verfügung. Ach ja, und Wasser steht natürlich auch immer bereit.
Bei der einen oder anderen seltenen Gelegenheit habe ich Fotos gemacht. Das ist aber etwas frustrierend, da ich auf dem Monitor meiner digitalen Kamera im Dunkeln nicht sehe, was ich aufnehme. Das sieht man den Fotos dann auch meistens an ;-) . Der (realtiv schwache) Blitz scheint die Igel nicht groß zu stören, aber ich möchte ihn ihnen trotzdem nicht zu oft zumuten. Wir gehen nur dann in das Gehege, wenn wir dort etwas zu erledigen haben. Schließlich wollen wir die Igel nicht domestizieren. Bei solchen Gelegenheiten kommen die Igel immer noch aus allen Richtungen auf uns zu. Aber sie sind eigenwilliger geworden, lange nicht mehr so zahm.
Wenn wir ihnen das Futter bringen, drängen sie sich am Zaun und wollen gestreichelt werden. So ganz können wir die Zärtlichkeiten nicht vermeiden, da kämen wir uns schäbig vor. Aber wir haben den Kontakt deutlich reduziert. Manchmal beissen sie aus der Schmuserei heraus zu. Das kann dann schon weh tun. Gestern floss zum ersten mal Blut, nachdem Silberschwänzchen mich in den Finger biss und ich die Hand zu schnell wegzog. Ich glaube nicht, dass die Igel uns mit dem Beissen wirklich verletzen wollen. Wir merken deutlich, dass die Igel zwar immer noch die Nähe suchen, jedoch keine Tauglichkeit als Schmusetiere besitzen. Sie sind keine Haustiere; sie müssen auch anders sein, da sie ein natürliches Leben führen.
Achtung: Igel sind keine Schmusetiere! Auch wenn sie Zärtlichkeit suchen, sollte man nie vergessen, dass sie Wildtiere sind. Sie tuen einem nicht absichtlich weh, aber sie haben ein anderes Sozialverhalten als Haustiere. Eine gewisse Vorsicht und Respekt vor der Andersartigkeit (die Igel zum Überleben brauchen) muss sein. Einen Igel zu verhätscheln bedeutet seine Überlebenschanchen zu verringern!
Andrea hat jedem ein eigenes Igelhaus (Igelkuppeln von Schwegler) besorgt. Das war nicht gerade billig, obwohl die BayWa uns einen "Mengenrabatt" gegeben hat (Igelkuppeln kann man auch über das Netz bestellen, gebt dazu einfach "Igelkuppel" als Schlagwort in eine Suchmaschine wie z.B. Alta Vista ein). Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, hätten wir den Igeln selbst Häuschen gebaut und dabei kräftig gespart. Bauanleitungen findet man im Netz z.B. auf den Seiten der Igelstation Fehraltorf. Die Igelchen beteiligen sich übrigens selbst schon seit Wochen an der Ausgestaltung ihrer Eigenheime. Wir legen ihnen immer wieder trockenes Laub in das Gehege, das sie dann im Maul in die Igelhäuser schleifen, um ihr Nest zu verbessern.
Nunja, lange werden wir die Kleinen wohl nicht mehr haben. Manchmal, wenn wir die Igel durch die Nacht wuseln sehen, können wir uns gar nicht mehr vorstellen, wie klein und verletzlich sie am Anfang gewesen sind. Bald werden wir sie in die Freiheit entlassen. Vielleicht bleibt ja der eine oder andere auf Dauer in der Gegend und lässt sich sehen.
Nochmals als Warnung am Ende: Diese Seiten sind als Erlebnisbericht zu sehen, nicht als Anleitung für die Aufzucht von Igeln! Was wir alles nach Ansicht der erfahrenen Igelpfleger vom Pro Igel e.V. falsch gemacht haben (nämlich eine ganze Menge!) könnt ihr unter "Fehler laut Pro Igel" nachlesen.
Und ein letztes Kapitel gibt es noch. In "Abschied" erfährst Du, wie die Geschichte zu Ende ging.
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