Nürnberg

Nürnberger Burg  

Ohne von dem tiefsten Mitleiden gerührt zu werden, kann der Reisende die so tief gesunkene, ehemals blühende, reiche, und mächtige Stadt Nürnberg nicht ansehen. Ueberall, wo er sich hinwendet, findet er die Spuren des alten Wohlstandes und des gegenwärtigen Verfalls neben einander. Die Größe der Stadt, die schönen Werke der Kunst, die schönen Gebäude die sie noch hat, stechen mit den öden Straßen, mit den melancholischen Gesichtern und den armen seufzenden Fabrikanten stark ab.

Diese sehr große Stadt, deren Linienumfang nicht sehr viel geringer ist als der von Wien, — Wiens Linien haben über 4 und die Nürnbergschen über 3 Stunden im Umfang — die Raum und Häuser für wenigstens 150,000 Menschen hätte, hat keine 30,000 Einwohner. 1786 sind hier 941 gebohren worden und 1199 gestorben. Wenn man die Gebohrnen mit 30 vermehrt, so kommen auf die Stadt doch nur 28.000 Menschen. Die Stadt — ohne die Linien, hat von dem Spittlerthore bis zum Lauferthor über eine halbe Stunde im Durchschnitt. Ihr Umfang ist fast eine teutsche Meile.

Außer den Thoren sind weitläufige Vorstädte mit Gärten, die von Linien umgeben sind, deren Eingänge alte rostige Soldaten besetzen, die schon den Verfall der Stadt ankündigen. Gostenhof und Wöhrt sind am besten bewohnt, und in den übrigen Vorstädten sind recht artige Gebäude. Die meist leer stehen.

Die Häuser der Stadt sind 4 Stockwerke hoch, von Stein gebaut und alle mit bunten Farben, doch nicht so kindisch wie in dem geschmacklosen Augsburg bemalt. Doch verläugnet sich der reichsstädtische Geschmack auch hier nicht ganz. Die hiesigen Häuser haben äußerst kleine Fenster und fast jedes Haus hat einen Erker. Die Straßen sind meist breit und gerade, und die Plätze der Stadt ansehnlich und mit großen Häusern umgeben. Nur fehlt es an Menschen, die diese Straßen, Plätze und Häuser ausfüllen, und die wenigen, die noch da sind, werden durch die ungeheuren Auflagen vertrieben werden.

Jeder Bürger muß den dritten Theil seines Einkommens und Verdienstes an die Obrigkeit abgeben, und dies ist Freyheit, Verfassung eines Freystaats, welche Schwindelköpfe glücklich nennen. Wenns Bedürfniß des Staates wäre, sagte ein ehrlicher Nürnberger zu mir, so wollten wirs gerne geben; aber da wir es nur geben müssen um unsere Herrn zu bereichern, so wird uns diese Last desto unerträglicher, und nirgends finden wir Hülfe. Der Rath von Nürnberg sucht in den hohen Reichsanlagen seine Ausflucht. Allein die paar tausend Gulden die Nürnberg zu bezahlen hat, sind bey dem ansehnlichen Gebiete, das die Stadt besitzt, nicht so beträchtlich, noch weniger so unerschwinglich, daß der Rath zu den hohen Abgaben, welche die ürger schon erlegen, noch neue Steuern zu machen nöthig hätte.

Es ist nicht nur lächerlich, sondern für den Mann von Gefühl recht ärgerlich, wenn er siehet wie diese Bürger, den Schweiß der Unterthanen — doch die Nürnberger sind ja freye Reichsbürger! — und das Geld was sie ihnen abnehmen, anwenden. Sie haben Befestigungswerke angelegt, die nichts taugen; ein sehr kostbares Zeughaus mit Knonen angefüllt, dessen rohes Metall einen Wert von einer halben Million hat, und das zu einer Armee von 100.000 Mann hinreichte, da sie nur einige hundert invalide Soldaten halten können. Bey diesem großen Vorrath von Kanonen, und bey ihren Bastionen, die sie um die Stadt anlegten, wagten sie es nicht, sich im siebenjährigen Kriege gegen ein preussisches Freykorps von 1200 Mann zusammengelaufenen Gesindels, zu   verteidigen. Sie haben einen sehr kostbaren Brunnen von Metall, mit einem großen Neptun und zehen anderen Statuen einige hundert Zentner gießen lassen, der ungeheure Summen kostete, und wozu sie nicht einmal Wasser hatten um ihn springen lasen zu können. Jetzt steht dieses Werk unter einer Schuppe, macht die Nürnberger in Teutschland zum Gelächter, und brachte sie bey Hen. Wieland in die Klasse der Abderiten. Ueber das Flüßchen Pegnitz bauten sie eine Brücke von 100.000 Gulden. So wurden die Abgaben der armen fleißigen Nürnberger angewandt. Und dieses ist noch öffentliche Anwendung; was in die tiefe, unergründliche Taschen fällt, wird nicht so offenbar.

Die Nürnberger sind gutmüthige, sehr ehrliche, höfliche, fleißige und geschickte Menschen. Es waren und sind noch Künstler unter ihnen, deren Arbeiten Teutschland Ehre machen. Zu der Vollkommenheit der Homannschen Offizin hat sich keine andere aufgeschwungen. Die optische, mathematische, mechanische, astronomische und physische Instrumente werden hier mit einer Genauigkeit gemacht, die nur die englischen haben. Es ist ein wahres Wunder, daß die hiesigen Künstler bey den hohen Auslagen, um einen so wohlfeilen Preis arbeiten können. Nur die wohlfeilen Lebensmittel, welche die fruchtbare umliegende Gegend verschaft, und die wohlfeilen Hausmieten erhielten der Stadt Nürnberg noch die wenigen Einwohner, die da sind. Fremde lasen sich hier nicht nieder, die den beständigen Abgang der Bevölkerung ersetzen könnten, es muß also diese gute Stadt immer leerer werden.

Die Gesellschaften in Nürnberg sind ganz artig, man findet freundschaftliche, aufgeklärte, helle Köpfe und gute Aufnahme bey ihnen. Die meisten Gesellschaften sind noch nach gut altteutscher Sitte im Wirthshause, auch führen die Einwohner ihre Gäste dahin, um ihnen Vergnügen und Unterhaltung zu verschaffen.

Die Vornehmern in Nürnberg tragen sich gut, aber die Tracht des Frauenzimmers vom mittleren Stande und des gemeinen Volkes ist abscheulich. Jenes trägt Hauben auf französische Art, von schwarzer Farbe, mit gelben, rothen, blauen, grünen und weissen Bändern, welches recht häßlich läßt. Die gemeinen Weibsleute tragen kurze Röcke, und ihre dicken Stampffüsse sind mit grünen Lappen umwunden. Fast jede hat einen runden Korb auf dem Rücken.

Nichts ist auffallender und lächerlicher als die Tracht ihrer Geistlichkeit. Diese sind in große, geschwollene Perüken eingehüllt, und tragen ungeheure runde, weisse Kragen mit einer Menge Falten, so abenteuerlich als sie die Hanswurste auf den italienischen Theatern haben. Den Pendant dazu haben ihre Rathsherren unter dem Arme. Dieß ist ein spitziger Hut, der ächte Hut des Trussaldino.

Ihre kirchlichen Gebräuche sind so, wie die Kragen ihrer Geistlichen, noch aus den Zeiten des Interims genommen. Die Sebaldkirche, ein herrliches, majestätischen Gebäude, das einen recht feyerlichen Anblick hat, hat noch ihren Hochaltar mit brennenden Lichtern, ihre ewige Lampe und ihre Messe, welche alle Morgen gehalten wird. Dieses Gebäude ist nach der Stephanskirche die schönste gothische Kirche, welche ich in Teutschland sah. Sie ist ganz aus Quadern in einer schwindelnden Höhe gebaut.

An dem schwarzen messingenen Grabmal des Sebaldus, wozu Albrecht Dührer die Zeichnung entworfen hat, ist einige Kunst und schöne Arbeit. Merwürdiger ist die von Dührer, einem Nürnberger, auf einer langen hölzernen Tafel gemalte Erschaffung der Welt, auf dem sich Adam und Eva vorzüglich auszeichnen. Die Tafel hat einen Riß, und also das Gemälde viel von seinem Wert verlohren. An einer Säule hängt noch ein Gemälde dieses Meisters, das die Auferstehung der Todten vorstellt. Die Menge der Figuren, die klein und doch so voll Ausdrucks sind, machen dieses Gemälde vorzüglich. Dührer hat sich selbst in die untere Ecke in der Gestalt eines Todtengräbers mit einer Schaufel in der Hand gemalt.

Das Rathhaus, welches nahe bey der Sebaldskirche stehet, enthält noch ein merkwürdiges Gemälde Dührers, Adam und Eva in Lebensgröße. Das Gebäude des Rathhauses ist sehr massiv, drey Stockwerke hoch, und in guter Architektur gebaut. Unter dem Rathhaus sind die Gefängnisse, deren Oefnungen bis herauf zu den Thoren des Rathhauses gehen, und dem unterirdischen Loche Helle zulassen. Durch die Gitteröfnungen kann man die Gefangenen sehen und mit ihnen sprechen. Durch eine Erlaubniß des Raths kann man ihre innere Einrichtung sehen.

Nahe beim Rathhaus ist der große Markt, ein großer, schöner, viereckiger Platz, auf welchem ein Brunnen im gothischen Geschmack steht. Ich war gerade zur Zeit der Maimesse in Nürnberg und vermuthete nach den großen Begriffen, die ich mir von der Handlung dieser Stadt machte, daß eine zahllose Menge Kaufmannsbuden und eröfneter Gewölbe, sowohl auf diesem Hauptplatz als anderen Märkten der Stadt seyn würde. Ich fand aber nichts als Eßwaaren, stinkende Heeringe, ein paar unbedeutende Buden und einige Marktschreier, die fremde Thiere für Geld sehen ließen. Ich bezeugte einigen Kaufleuten meine Verwunderung darüber und erhielt zur Antwort, dass die Kaufleute in ihren Gewölben feil hätten. Also ist auf diese Art das ganze Jahr Messe in Nürnberg! Auf dem großen, — oder wie man ihn hier heißt grünen Markte — steht die gothische Frauenkirche.

Die Lorenzen, oder zweyte Hauptkirche der Stadt, steht auf der anderen Seite der Stadt jenseits der Pegnitz. Sie ist, wie St. Sebald im gothischen Geschmack gebaut und hat wie diese Kirche, zween gleiche Thürme an dem Haupteingang.

Die Egidienkirche ist von neuer Architektur, und die modernste Kirche in der Stadt. Zween gleiche geschmackvolle Thürme zieren den Eingang und die Fronte. Bey dieser Kirche steht das Gymnasium.

In der Spitalkirche zum heil. Geist sind einige Reliquien und ein Theil der Reichskleinodien.

Um das Zeughaus in Nürnberg zu sehen, muß man einen Conventionsthaler erlegen. Dieß ist eine Revenüe für einen Rathsherrn, der dem Zeughaus vorgesetzt ist. Der Eingang hat an der Fronte zween alte Thürme. Ueber dem Eingang ist die Wohnung des Arsenalintendanten und Rathsherrn, der oft unhöflich genug ist, den Fremden die Bezahlung vorher. Ehe sie etwas gesehen haben, abfordern zu lassen. Als ob diese seiner Börse, in welche sie nun verfallen sind, ihren Thaler abschneiden würden. Uns wiederfuhr diese bettelnde Grobheit doch nicht.

Bey dem Eintritt ins Zeughaus selbst, wurden wir durch den Anblick einer sitzenden, ausgestopften Figur überrascht, die unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Rechter Hand am Eingang sitzt der Kriegsheld Karl XII, in einem blauen Frack, gelben Weste und Beinkleidern und steifen Stiefeln, wie er sich auf der Flucht nach Bender in einer Sänfte tragen ließ. Da er in seinem Leben sehr kriegerisch war, so ist sein Bild auch recht schicklich, nach seinem Tode, in einem Zeughaus angebracht. Daß er aber in dem friedlichen Nürnberger Zeughaus sitzen muß, ist mit dem kriegerischen Feuer Karls nicht zusammenstimmend. Wenn er erst vollends die Kindereyen sehen könnte, womit die Wände des Nürnberger Zeughauses tapeziert sind, wie müßte er sich nicht ärgern, so ernsthafte Dinge als die Werkzeuge eines Helden sind, zu Spielsachen und Nürnberger Witz herabgewürdigt zu sehen!

Daß aus den Flintenläufen Säulen; aus Pistolen und Degenklingen, Sonnen, aus Lanzen und Bajonetten, Sterne gemacht; daß Pulverhörner in mancherlei Figuren gedrängt worden sind, ist noch zu verzeihen; aber die Gewehre zu zerlegen, um von ihrem Messing Figuren garnieren zu können; und die Flintenläufe in kleine Stücke zu zersägen, um das Wappen der Republik Nürnberg oder den Reichsadler davon machen zu können, dieß würde gewiß selbst in Abdera lächerlich seyn.

Als Joseph (Joseph II, dtsch. Kaiser von 1765-1790) dieses Zeughaus gesehen, soll er gesagt haben, es sey hier viel vortrefliches Metall zum umschmelzen. Wenn dieses auch wahr ist, so gilt es nur für einen Theil des hiesigen Geschützes, den nicht mehr brauchbaren Kanonen, denn es sind einige hier, die 80 Pfund Eisen und 70 Pfund Stein schießen. Die Karthaunen sind immer doch immer noch bey Belagerungen brauchbar.

Es sind alles in allem gegen 300 Kanonen und Mörser hier, unter welchen 50 Regimentsstücke waren, auf welche die 24 Buchstaben, die 12 Monate, die zwölf Zeichen des Thierkreises, Mars und Pallas gegossen waren. Von den 24 Buchstaben sind nur noch die zwey R und O da. Einen Theil dieses Alphabets holte der General Kleist ab. Die zwölf Monate sind von unvergleichlich schöner Arbeit; auf jedes ist eine emlematische Figur, die den Monat bezeichnet, nebst seinem Namen hingegeossen und auf das schönste ausgearbeitet. Ich habe unter der Menge Geschütze, die ich sah, nie eine ähnlich vollkommende Arbeit gefunden. Einige Kanonen haben zween kleine Möser zu beyden Seiten, zum Granaden werfen, so wie sie die Russen führen. Das grobe Geschütz ist in zween sehr langen Sälen aufgestellt, die durch einen kleinen Hof, in welchen eine Menge Bley lagert, getrennt werden.

Die ansehnliche Menge des kleinen Gewehrs ist fast durchgehend für Militär — und für dieses soll doch das Zeughaus seyn? — unbrauchbar. Es hat keinen gleichen Kaliber, hölzerne Ladestöcke, und keine Bajonette. Einige hundert neue Flinten hat die Stadt machen, und theils hier aufstellen, theils der Armee austheilen lassen. Am vorzüglichsten sind für den Fremden die alten Waffen, die hier ausgestellt sind, und die man einzeln und in ihrer Verbindung siehet.

Eiserne Männer zu Fuß und zu Pferde halten in ihrer ganzen Rüstung hier ihre beständige Wache. Fürchterliche Instrumente, die nun der veränderte Krieg und das Gefühl der Menschlichkeit unbrauchbar gemacht haben, womit die Wände und Decken behangen sind, die Sturmsensen, große Schlachtschwerdte, schwere Streitäxte, Morgensterne, Streitkolben, Lanzen und Schießprügel — ein viereckiges Stück Holz mit vier Flintenläufen, mit welchen, wenn diese mit der Lunte losgebrannt waren, die Streiter des Alterthums einander die Köpfe einschlugen — kann der Menschenfreund ruhig vom Rost fressen sehen.

Der Schwindelkopf jammert bey der Erblickung der schweren Instrumente, die ein teutscher Reiter jetzt kaum erheben, vielweniger zu seiner Vertheidigung brauchen kann, über die Abnahme der menschlichen Kräfte, glaubt daß das Menschengeschlecht entnervter worden sey, und bedenkt nicht, daß nur die Gewohnheit, diese schweren Instrumente zu führen, sie brauchbar machte. Ich habe auf den Eisenhämmern in Steiermark und Kärnthen die Arbeiter mit Zangen, die ich kaum erheben konnte, zentnerschwere Stücken Eisen umhertragen, und unter dem Hammer ganz leicht umwenden sehen. Für diese Leute müßte ein solches Schwerdt und Lanze zu führen, nur wahres Spielwerk seyn. Hat nicht noch in diesem Jahrhundert der König August, die 375 Pfund schwere bleierne Kugel, die hier im Hofe des Zeughauses halb in die Erde gesunken, noch zu sehen ist, mit einer Hand erhoben?

Das übrige noch brauchbare Kriegsgeräthe Kürasse, Pallasche, Säbel, Pistolen, Trommeln, ist ganz ansehnlich; allein was thut es in Nürnberg? Sollten sich die Bürger damit bewaffnen und was ausrichten, da sie sich nicht einmal gegen zwölf hundert Mann leichter Truppen zu verteidigen getrauten? Ich lasse es den großen Geographen Hrn. Büsching vor der gelehrten Welt verantworten, wenn er schreibt, die Stadt Nürnberg halte aus der Bürgerschaft 25 Kompagnien jede von 300 bis 400 Mann in den Waffen, welches 10,000 zum Dienste taugliche Bürger vorausetzt.

Die Burg, dieses alte, mit Thürmen und Graben befestigte Schloß, liegt an der nordwestlichen Grenze der Stadt auf einen Hügel, von dem man eine sehr schöne und reizende Aussicht über die Stadt und weite ebene Gegend hat. Die Dragoner haben die Wache der Veste Nürnberg. Ein kleines Männchen mit einer Perücke und langem Bratspießdegen, das in einem untern finstern Zimmer spukte, machte uns den Zizerone. Es fieng sein Amt mit einer Zauberergeschichte an, zeigte uns Eindrücke von Hufeisen, die von einem Zauberer den er Heppele nannte, bey einem Sprung mit dem Pferde über den sehr breiten Burggraben zurückgelassen haben soll. Er zeigte uns auch diesen Zauberer bey dem Eingang in ganz eiserner Rüstung. Es war diese aber nicht die einzige Zauberer- und Teufelsgeschichte, die uns das Männchen mit großer Ernsthaftigkeit erzählte. Wir mußten in einer Kapelle eine steinerne Säule, und über einem Bogengewölbe einen dicken steinernen Kopf sehen, welche Denkmale folgende Geschichte veranlaßte: Ein Priester ging mit dem Teufel eine Wette ein, daß er eher eine Messe lesen, als jener eine Säule aus einer Kirche in Rom holen könne. Der Priester las über Hals und Kopf seine Messe, und der Teufel holte die Säule. Eine Messe läßt sich eher lesen, als eine Säule holen, der Pfaffe gewann die Wette, der Teufel böse über die mißlungene Arbeit, blies ihn an und den Augenblick bekam er den dicken Kopf wie noch die Statue weiset. Doch dicke Köpfe sind ja den Pfaffen eigen!


Ich sah dem Männchen recht ernsthaft ins Gesicht, ob es denn wirklich ohne zu lachen diese Possen erzählen könne? Als es uns nicht geneigt fand sie zu glauben, so bejahte es uns dieselbe nochmals. Wenn mir in Bamberg, in Krain, in Kärnthen solche Geschichten erzählt worden wären, so würde ich es gerne verziehen haben. Aber in einer protestantischen Stadt, mitten in Teutschland von einem Aufseher über ein merkwürdiges Schloß, solchen Unsinn mit größter Ernsthaftigkeit erzählen und von andern noch bestätigt zu hören, ist unverzeihlich!

Die Zimmer, die man in der Burg zu sehen bekommt. Sind alt, sehr geschmacklos gebaut und möbliert. Einige Glasschränke, die man hier als Seltenheit zeigt, sind höchst unmerkwürdige Merkwürdigkeiten.

Unter den schönen Malereyen sind einige vortrefliche Stücke. Nikodemus, der zu Christo bey der Nacht kommt, ist eines der allerbesten Stücke Albrecht Dührers. Dieser Künstler, der seine Figuren sonst so unerträglich steif malt, wovon ich so viele in den Gallerien zu Wien und München sah, hat sich hier selbst übertroffen.

Außer diesem herrlichen Nachtstücke, ist noch ein gutes Gemälde von diesem Meister in dem nämlichen Zimmer. Die Stadt Wien, mit allen Häusern, zeigt man hier auf einem sehr großen Kuperstiche, der die ganze Höhe des Zimmers einnimmt.

Ein Liebhaber der Malerey wird es gewiß nicht bereuen, die Burg Nürnbergs gesehen zu haben, wenn er sich auch gleich mit Zauberergeschichten muß unterhalten lassen. 
In einem alten Thurme, der am Eingang der Burg auf einem Felsen stehet, und noch ein römisches Andenken seyn soll, ist ein tiefer Brunnen in den Felsen gegraben, der gutes, sehr kaltes Wasser hat. Man zählt bis auf dreyssig, bis ein ausgeschüttetes Wasser das untere Wasser erreicht.

Ich hatte viel vom Nürnberger Observatorium gehört und es auch in Kupfer gestochen gesehen, wie auf demselben viele Personen eben beschäftigt sind, durch Teleskope und große Fernrohre auf Quadranten die himmlischen Sphären zu messen. Ich war begierig es zu sehen und bat unseren Zizerone uns dahin zu führen. Er führte uns in ein finsteres bretternes Loch, in das endlich durch die Öffnung einer Thüre, die auf eine Bastion ging, einiges Licht gebracht wurde. Ich ging auf die Bastion, das eigentliche Observatorium, sah aber nichts als Stein. Ich fragte immer noch nach dem Observatorium, als mich das Männchen versicherte, daß ich darauf sei. Ich war begierig, die auf dem prahlerischen Kupfer gesehen Instrument in der Natur zu sehen, ich fand aber anstatt deren ein Chaos von eisernen Stangen, die auf dem Boden lagen, und der Führer versicherte uns, daß dieß die astronomischen Werkzeuge wären, und bedauerte, daß sie aus Mangel eines Sachverständigen in diesem Zustand bleiben müßten. Sollte denn in Nürnberg, wo so vorzügliche astronomische Instrumente gemacht werden, sich wirklich niemand finden, der diese Werkzeuge wieder zusammensetzen und aufstellen könnte, daß doch der neugierige Reisendem, wenn er ein ausgeposauntes Obsservatorium erwartet nicht einen Haufen Stange, einen Apparat eines Schmieds, finde?

Und wenn auch diese Instrumente blos um gelehrten Wind zu machen aufgestellt wären, welchen Fall ich sehr oft fand, so könnte sie doch zuweilen ein Fremder der sich in Nürnberg aufhält benutzen, wenn schon die Nürnberger selber sich mehr um das zu bekümmern haben, was auf ihrer Erde, als was am Himmel vorgeht!

In der berühmten Homannschen Offizin fand ich höfliche, artige Leute, die mit der größten Bereitwilligkeit und Güte mir alles zeigten, was diese herrliche Werkstatt der Geographie, die ihr vieles zu danken hat, vorzügliches aufweisen kann. Mit Ehrfurcht betrachtete ich auch die nützlichen Künstler, die so brauchbare, gute und schöne geographische Karten der gelehrten Welt liefern, und ihre Gesundheit dieser Arbeit aufopfern. Obwohl die Kupferstecher nur des Vormittags arbeiten, so leiden sie doch bald an den Augen und viele werden gar blind. Welcher Unterschied ist zwischen diesen ehrwürdigen Künstlern und den elenden augsburgschen Bildschnitzern, die Kreuzerfiguren, Heilige und Legendenpossen ans Licht bringen. Die Homannsche Offizin ist in der ganzen Welt berühmt, in allen Bibliotheken findet man Karten von ihr. Daß alle diese Karten vollkommen seyn sollten, wäre ein unbilliges Verlangen, da nur wenige Länder mit geographischer Genauigkeit aufgenommen sind. Der Preis dieser niedlichen Karten ist bisher 30 Kreuzer das Stück gewesen, seit 1788 aber hat jede Karte um zwey Kreuzer aufgeschlagen. Das Papier für diese Offizin wird in Schwaben gemacht. Augsburg hat auch Karten in die Welt geschickt, die eine Satire auf die Geographie sind. Seutter und Lotter waren die Leute nicht, die etwas erträgliches hätten liefern können. Frankreich und Holland haben mit ihren theils guten Karten, der hiesigen Offizin keinen Schaden getan und am wenigsten werden ihr die Berliner Karten Abbruch tun, es wird sich also diese gelehrte Werkstatt noch langer in ihrem guten Stande erhalten.

Es sind noch einige Kunsthandlungen in Nürnberg, unter welchen sich die Weigelsche vorzüglich bekannt gemacht hat. Alle Künstler, die man hier besucht, sind äußerst dienstfertig und höflich. Wenn Nürnberg einem Herrn gehörte, so würde die Stadt gewis schnell in einen blühenden Zustand kommen. Die Fürstenstädte blühen auf, und die freyen Staaten verfallen. Nur allzudeutlich sieht man dieses an Nürnberg und den nahen anspachschen Städten. Nürnberg fällt, und die vor kurzer Zeit noch ganz unbeträchtlichen Orte Erlang, Schwabach, Fürth erheben sich schnell. Wenn sich einst das unglückliche System in Teutschland ändeert, und diese Stadt so glücklich ist, einen teutschen Fürsten zum Herrn zu bekommen, so ist es leicht möglich, daß sie zu ihrer alten Größe wieder komme, denn nicht der veränderte Gang des Handels und die Hemmung der Nürnbergschen Waaren, sondern die innere Verfassung, die traurig und bekannt genug ist, ist an ihrem Verfall schuldig. Wird den Kindereyen, welche die Nürnberger bisher in großer Anzahl machten, der Eingang in manches Land verwehrt, so können ihre Künstler andere Arbeiten machen, welche die österreichschen Unterthanen nicht nachmachen können und doch haben müssen. Die schönen und wohlfeilen Arbeiten ihrer Messingfabrikanten werden einen immerwährenden Werth und Absatz haben, wenn sich anders ihre tüchtigen Meister nicht wegen der hohen Auflagen auch in den Schutz der Fürsten flüchten müssen.

Das Gebiet der Stadt Nürnberg ist ganz ansehnlich und fruchtbar. Keine Reichsstadt hat so ein großes und einträgliches Gebiet als Nürnberg. Dieses hat schöne Dörfer, industriöse Menschen und einen ergiebigen Boden. Der Wohlstand, in welchem die Einwohner des nürnbergschen Gebiets zu seyn scheinen, läßt vermuthen, daß diese nicht mit so unerschwinglichen Auflagen belastet seyen, als die Bürger der Stadt.

Die Landstraßen, die durch das nürnbergsche Gebiet gezogen sind, sind sehr gut und beschämen die Anspachschen, wo man fast im Sande stecken bleibt.

Die Universität Altdorf, die mit dem blühenden Nürnberg dahinwelkt, versinkt ganz in unbekannte Dunkelheit. Sie hat keine hundert Studenten mehr. Indessen bleibt sie doch noch ein trauriges Andenken der ehemaligen Größe und der Macht dieser vortrefflichen Stadt, die ein Opfer der elenden republikanischen Verfassung geworden ist.

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